Outrigger auf der Ostsee oder: Es geht auch ohne Palmen

Der alte Mann und … sein neues Boot

Seit frühester Jugend habe ich mich gern in Häfen und auf Booten herumgetrieben, und wie ich mich so in den kalten Wintermonaten hier in Maine, USA an meine “alten Bootsfreunde” erinnere, bemerke ich, dass sie mit der Zeit immer kleiner geworden sind. Ich kann mich noch gut an die Nord/Ostsee Kümos erinnern, auf denen ich in meiner Studentenzeit in Kiel zwischen Schweden und Belgien gependelt bin, sowie an den 10.000 Tonnen Kohlefrachter, auf dem ich meine Überfahrt nach USA abgearbeitet habe; und auch an den Zwei-Mast-Schoner von dort zurück über den großen Teich nach St. Malo, Frankreich.

Aber jetzt bin ich nur noch in Kleinbooten – Kajaks, Canadiern oder Ruderbooten – auf dem Atlantik zu finden. Mein letztes Boot ist sogar noch minimaler, und ich habe selten so viel Spaß auf dem Wasser gehabt.

Irgendwas stimmt da nicht. Als Neupensionär sollte ich mir ein größeres Boot anschaffen, mir das Leben leichter machen und mehr mit Freunden sein. Statt dessen sitz’ ich da auf einem 7,20 m langen, nur 34 cm breiten und 13,5 kg schweren Boot auf dem Atlantik und beweg’ mich mit 8-11 Stundenkilometern mit nur “halbem Paddel” durch’s Wasser, und grins’ dabei vor mich hin. (Ich hoffe nur, dass dieser “downsizing” Trend hier aufhört und mich nicht zurück mit Spielboot in meine Badewanne versetzt, wo mein maritimes Interesse zuerst geweckt wurde.)

Ich vergaß zu erwähnen, mein neues Spielzeug hat zwei Alu-Arme links, die einen knapp 3 m langen, aber nur 12 cm breiten Schwimmkörper greifen. Ihr habt’s erraten: Es ist ein polynesisches Ausleger-Kanu, ein “Outrigger” mit “Iako” und “Ama”.

Der Bootstyp

Ihr habt ganz recht – dieser Bootstyp ist alles andere als neu. Er hat einen prominenten Platz in der Geschichte Polynesiens und besonders in den Inseln Hawaiis. Ihr habt die Sechs-Mann-Boote sicher schon einmal im Fernsehen oder in Filmen gesehen, vielleicht sogar in dem langen Molokai Hoe Rennen zwischen den Inseln.

Seit ein paar Jahren haben Outrigger in Hawaii ein großes Comeback erfahren, nicht nur als Touristenattraktion, sondern als ein Sport mit lokaler, nationaler und sogar internationaler Bedeutung. Australien und Neuseeland haben das als erste erkannt, dann Kalifornien, und jetzt die gesamte Pazifikküste, bis hoch nach Vancouver, Kanada. Auch die Japaner und ein paar andere pazifische Länder sind mit dabei, sowie auch Italien und Frankreich, wie ich höre.

Mein Sohn Mark war für Kalifornien in dem großen Molokai Hoe Rennen dabei und hat mich in den neuen Sport eingeführt. Ich war begeistert, besonders von den Solobooten, und konnte kaum warten, nach Hawaii zu kommen, in einem Outrigger Hotel zu übernachten und diese Boote in den warmen, langen Wellen um die Inseln zu paddeln.

Dann kam die Ernüchterung und zugleich ein neuer Gedanke: Flug und Übernachtung waren einfach nicht erschwinglich. Also ging ich zu Plan B über: Ich bringe Hawaii nach Maine, USA (oder für euch DE-Paddler, die Nord/Ostsee) und investiere Flug und Übernachtung für zwei (denn niemand sollte allein nach Hawaii fliegen!) in ein neues Boot für mich hier zu Hause. Ist das denn möglich, hör ich da jemand fragen? Natürlich ist das möglich!

Also, ich geh kurz im Web surfen und finde diverse Outriggerhersteller, ein paar sogar in meiner Gegend. Ich finde sogar ein Boot, bei dem man nicht wie in Polynesien draufsitzt, a la Surfski, sondern eins, das wie ein Olympisches Kajak ein Cockpit mit Spritzdecke hat. Toll, sag ich mir! Da hat man plötzlich ein Boot für nördlichere (sprich kältere) Meere und eins für alle Jahreszeiten. Dazu wählte ich die leichteste aber zugleich stabilste Bauweise, Kevlar/Carbon.

Ich war so begeistert und überzeugt von dem Boot, dass ich es ungesehen und ohne Testpaddel bestellte. Ich konnte es 5 Tage vor meinem ersten großen Rennen in Boston abholen, habe dann schnell alle verstellbaren Einstellungen am Boot auf dem Fluss hinter meinem Haus gründlich getestet und das 35 km lange Seerennen um Gloucester und Cape Ann (nördlich von Boston) erfolgreich beendet (in 3:46 Stunden, fast 10 km/St.) . Es war äußerst windig, und 15% der 130 Boote (Ruderer, Kajaker und Kanuten) haben das Rennen nicht beenden können. Ich hatte nur etwa eine Tasse Wasser im Boot und war begeistert. Welch Geschwindigkeit und Stabilität für ein Kanu, besonders bei achterlichem Wind, und visuell ist das Boot einfach “COOL”!

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Der Set-up

Wie paddelt man nun so ein Boot, wie ist der Set-up? Erstens: Großgewässer sind einfach nichts für Anfänger. Bevor man sich in Deutschland auf die offene Nord- oder Ostsee wagt, sollte man reichlich Erfahrung auf geschützteren Seen oder Buchten haben. Ich mache schon seit 10 Jahren Solo-Langfahrten bis zu 1000 Meilen (1600 km) auf dem Atlantik in Kanada und Neu England, USA und konnte meine Erffahrung schnell auf den neuen Bootstyp übertragen.

Bei meinem Surfrigger (international als Pacific 24 bekannt) der Firma Savage River in Maryland, USA ist das Heck hinter dem Sitz abgeschottet; im Bug ist das Stemmbrett mit Steuerklappen das Schott. Also nur der Cockpitraum kann volllaufen. Da ist aber ein “self bailer” (Selbstlenzpumpe), und außerdem hab ich immer eine Pütz und Schwamm dabei. Je nach Beinlänge verstellt man also den Sitz nach vorne oder nach hinten (anders als bei einem Seekajak, wo man das Stemmbrett verstellt). Der Sitz ist etwa so hoch wie bei einem Ruderrenneiner, enorm bequem und rückgratfreundlich. (Das Knien im Kanu oder Canadier haben wir hier bei uns schon lange aufgegeben!) Das ziemlich große und tiefe Steuerruder ist etwa 1,5 m vom Heck, wie bei einem Olympischen Kajak, und beißt gut ins Wasser, auch noch bei achterlicher See.

Die Ama (der lange Schwimmkörper – traditionell immer links!) an meinem Boot hat drei Verstellbarkeiten, von denen zwei eigentlich überflüssig sind und deshalb bei einigen Bootsmodellen gar nicht mehr existieren. Ich kann meine Ama parallel zu meinem Boot verstellen, d.h. näher am Bootskörper oder weiter weg. Ich stell sie jetzt immer so weit weg wie möglich. Damit habe ich maximale Stabilität ohne nennenswerten Geschwindigkeitsverlust, sowie auch genügend Platz für meine Paddelschläge links.

Zweitens kann ich meine Ama an beiden Iakos (Querarmen) hoch oder runter verstellen. Ich stelle meine Ama vorne immer so hoch wie möglich ein, damit sie leichter über die Wellen geht und sich nicht in den größeren Wellen festfährt, was einem “spin-out” befolgen würde, meist mit Waschmaschine und Baden verbunden – kein schönes Bild so eine Meile vor der Küste! Ich habe bei dieser Einstellung ebenfalls keinen Geschwindigkeitsverlust bemerkt. Viele Outrigger in Hawaii haben den Bug der Ama auch immer extrem hoch, und Paddler in Hawaii sollten wissen, was sie tun.

Die dritte Einstellung ist eigentlich die wichtigste und die einzige, die ich je nach See- und Wetterbedingungen verändere. Ein Outrigger sollte immer ein wenig auf die Ama getrimmt werden, d.h. das Boot soll sich leicht auf die Ama lehnen. Mit einer Wasserwaage auf dem Boot bestimmt man den Nullpunkt und markiert den am achterlichen Iako. Für absolutes Flachwasser wäre dies die ideale Einstellung.

Für Wind und Wellen, besonders von links, lehnt man das Boot mehr oder weniger auf die linke Ama. (Ein Outrigger wird NIE nach rechts getrimmt, weil man dann bliztschnell baden geht!) Wichtig ist: Ama auf dem Wasser, oder du gehst ins Wasser! Da man diese Einstellung nicht vom Bootssitz aus machen kann (die Arme sind einfach zu kurz dafür!), rate ich, vor dem Einsteigen lieber mehr als weniger Krängung einzustellen. Der Seegang ist immer höher als man denkt und kommt für Outrigger immer von links, so scheint’s.

Vorsicht also mit Wind und Wellen von links: die Wellen heben nämlich die Ama bevor sie zum Boot kommen, und man wird ganz schnell und unzeremoniell nach rechts ins Wasser gehebelt. Wenn man nicht genug Linkstrim im Boot hat, muss man die ankommenden Wellen antizipieren und den Oberkörper entsprechend nach links lehnen. Auf jeden Fall muss die Ama auf dem Wasser bleiben, sonst passiert’s. Bei achterlichem Seegang ist das ähnlich: immer etwas nach links lehnen, vorwiegend rechts paddeln und wenn nötig mit dem Paddel abstützen.

Der nasse Wiedereinstieg

Gelegentlich kentert man auch. Das passiert auch in einem Seekajak oder Surfski. Das ist OK, wenn man es geübt hat. Nein, einen Outrigger kann man nicht rollen. Man landet fast immer rechts vom Boot im Wasser, und muss nur aufpassen, dass einem die Ama nicht auf dem Kopf landet – au! Damit das leichte Boot mit den abgeschotteten Enden nicht vor dem Wind und den Wellen davonschwimmt, ist es wie bei einem Surfboard mit einem Bungicord am Fußgelenk des Paddlers befestigt. Nach 4 Jahren ist mir das zwar noch nie passiert, aber ich habe den nassen Wiedereinstieg gründlich auf einem warmen See geübt.

Von der Nicht-Ama-Seite rollt man das Boot aufrecht (Vorsicht! dabei kann die Ama wieder auf dem Kopf landen) und man steigt langsam zwischen Ama und Boot, mit einem Fuß auf der Ama bei der achterlichen Iako, wieder ins Boot ein. Man öffnet dann den “self bailer”, pützt ein wenig, befestigt die Spritzdecke, und ab geht die Fahrt. Hat man sein Paddel verloren, gebraucht man das Reservepaddel an der achterlichen Iako, das man hoffentlich nicht im Auto oder zu Hause vergessen hat.

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Der “Motor”

Übrigens, die meisten Paddler, die ich gesehen habe, gebrauchen ein Carbon Kanumarathon Rennpaddel von Zaveral (12 Grad geknickt, etwa 127-132 cm lang, 250-300 Gramm schwer). Ich gebrauche immer mein 11 Unzen (308 g) Zaveral Wildwasser/ Expeditionspaddel, für meine Kanulangfahrten wie auch für Rennen, da es etwas stärker gebaut ist. Carbonpaddel sind zwar teuer, aber bessere gibt’s nicht, und glaubt mir, sie sind jeden Euro wert (mein Reservepaddel ist schon 20 Jahre dabei!).

Bei unseren Outrigger Rennen finden sich dann auch sehr häufig Kanurennfahrer von unseren Marathon-Canadiern und den Olympischen Booten ein. Für diese Paddler ist ein Outrigger das einzige seetüchtige Rennboot. Überhaupt spricht das Boot die Paddler an, die, wie wir hier sagen, ein “need for speed” haben.

Zum anderen sind es erfahrene “Stechpaddler”, die sich nicht mit ihrem offenen Canadier auf Großgewässer, wie die Ostsee, wagen, oder ganz einfach auch mal in einem schnellen Boot wie die flotten Seekajaker und Surfskipaddler an den Küstenrennen teilnehmen wollen, Ja, und wir hier in USA haben immer eine Schwimmweste mit Trillerpfeife unter dem Sitz oder wir tragen sie. (Von September bis Juni muss sie getragen werden.) Und ich gehe auch nirgendwo ohne Kompass hin. Der ist direkt vor meinem Cockpit permanent befestigt, damit er nicht beim Seitenwechsel mit dem Paddel im Weg ist.

Für uns hier in USA und Kanada ist es so natürlich, dass man heutzutage ein Kanu im Sitzen und auf beiden Seiten paddelt, dass ich es fast zu erwähnen vergessen hätte – also, immer nur gelenkfreundliche Vorwärtsschläge, keine Steuerschläge; 10-20 Schläge an Steuerbord, dann an Backbord. Das Steuern tut man mit dem Steuerruder oder in dem man die Seiten wechselt. Dieser Wechsel mit den neuen, geknickten Paddeln, den “bent-shafts”, geht in Windeseile und ohne Zeitverlust – echt, und ich habe in 20 Jahren noch nie eins dabei aus der Hand verloren.

Auch für Tagestouren

Jetzt hab ich beim Seerennen in Gloucester schon 4 mal erfolgreich teilgenommen, sowie auch bei etlichen anderen Rennen, aber am liebsten paddel ich meinen Outrigger nur so zum Spaß auf Tagestouren mit einem kleinen wasserdichten Sack unter’m Sitz mit extra Zeug, was zu essen und trinken, Badehose, Fernglas, Kamera, Seekarte und Buch. Und überall wo ich auftauche, drehen die anderen Paddler den Kopf nach mir um, und ich höre nur “COOL, MAN, COOL!”

Meine Kollegen in den “sit-on-top” Booten schwitzen sich immer halb tot in ihren Neoprenanzügen oder aber klappern mit den Zähnen, wenn’s windig oder echt kalt wird. Auch im Winter paddel ich nur mit Polypropylen- sowie Nylonanzug mit Schwimmweste darüber. Das ist nur möglich in einem Boot mit Cockpit und Spritzdecke, wie mein Typ. Wenn ich auf der Nord- oder Ostsee paddeln wollte, und nicht nur bei herrlichem Sommerwetter, würde ich mir auch so eins zulegen; die original Hawaii “sit-on-top” Boote sind einfach zu naß und kalt für nördliche Gewässer. Dazu braucht man Palmen, und die gibt’s hier halt nicht.

Die Moral von der Geschicht’

Ihr seht also, ihr braucht nicht ganz nach Hawaii oder Tahiti zu fliegen, um Outrigger zu paddeln. Macht’s wie ich, bringt Hawaii nach Fehmarn oder Rügen. Und wenn ihr Seekajaker mal so’n Boot auf dem Wasser seht, seid cool, nickt wissend mit dem Kopf und zeigt bitte nicht auf die Ama und sagt: “Wie’n Stützrädchen, nich’?”

Aloha!

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